Mai 2009

Spaß mit Telemarketern

Seit einiger Zeit bekam ich Anrufe von einem Telemarketer, der mir gerne eine überteuerte PKV als Ersatz für meine bestehende, konkurrenzlos günstige Versicherung (die grundsätzlich keine Vermittlungsprovisionen zahlt) aufschwätzen wollte. Doch egal ob angeblich bis zu 13.000 Euro teure Rollstühle (“möchte nicht in eine Versicherung einzahlen, die Mondpreise bezahlt”), Nichterstattung von Homöopathie (“Wasser kommt bei uns aus der Leitung”) oder Heilpraktikern (“Wissen Sie, was 90% der Ausbildung von Heilpraktikern ausmacht? Man lernt zu erkennen, wann eine echte Krankheit vorliegt, damit man den Patienten zu einem richtigen Arzt schicken kann”) – keines der vorgefertigten Argumente mochte so richtig verfangen.

Aber ein guter Telemarketer gibt nicht so leicht auf: “Ihre Kasse erstattet auch nur bis zu 4 Wochen stationäre Psychotherapie” – “Meinen Sie, ich müsste für länger ins Irrenhaus?” – “So würde ich das nicht sagen, aber denken Sie mal an die, die zum Beispiel in Winnenden dabei waren, die brauchen oft jahrelange Behandlungen” – “Wenn ich eines Tages an einem Amoklauf teilnehme, dann bestimmt nicht auf Seite derjenigen, auf die geschossen wird”.

Er hat sich nie wieder gemeldet.

Libertas und AUF, oder: Der verspätete Aprilscherz

Aprilscherze macht man normalerweise am 1. April. Am 12. Mai dagegen erscheinen sie auch unter Berücksichtigung von Zeitverschiebung und Datumsgrenze reichlich deplatziert, selbst wenn man bei Libertas wohl generell recht eigentümliche Vorstellungen von Rechtzeitigkeit hat – eine Woche Zeit zum Sammeln von 4000 Unterstützerunterschriften ist vielleicht etwas knapp, und die tatsächlich gesammelten 3500 waren dem Bundeswahlleiter dann auch tatsächlich etwas zu wenig. Schade für Libertas, deren hochmotivierte Wahlkämpfer nun mangels Wahlkampf nicht so richtig viel zu tun haben. Was tun? Nun, man könnte die potentiellen Wähler ja mal so richtig nachhaltig in den April schicken. Auch wenn der schon eine ganze Weile vorbei ist.

Gesagt, getan: Die einst mit dem (dort mittlerweile wohl nicht mehr aktiven) Hoffnungsträger Carlos A. Gebauer gestartete Partei veröffentlichte nun auf ef-online einen Wahlaufruf zugunsten der AUF-Partei. AUF, das steht für “Arbeit, Umwelt, Familie“. Nun gut, meine Prioritäten sehen anders aus, aber schauen wir uns trotzdem mal deren Programm an. Das beginnt mit dem Untertitel “Christen für Deutschland”, aber so was wird in der Wahlkabine ja nicht kontrolliert, also weiter.

Worüber sorgt man sich in Beichtstuhl und Betkammer? Zuallererst über den “demographischen Wandel”, der, folgt man der AUF-Partei, vor allem Folge von drei Faktoren ist: “Ein millionenfaches
Töten frühen, menschlichen Lebens, ein Unterlaufen menschlich adäquater, sozialer Institutionen, wie Ehe und Familie und eine entsprechende Relativierung sexualethischer Grundsätze”. Moment mal: Millionenfaches Töten von Kindern? Das kann kein vernünftiger Mensch haben wollen. Genausowenig wie einen Staat übrigens, der “sexualethische Grundsätze” aufstellt – ich such mir ganz gerne selber aus, wer bei mir ins Schlafzimmer darf, und dazu gehören weder Angela Merkel noch die AUF-Supporterin Eva Herman (nun gut, bei letzterer könnte ich vielleicht eine Ausnahme machen, aber nur wenn nicht über Politik geredet wird).

Was den millionenfachen Kindermord angeht: Der eine oder andere mag sich vielleicht wundern, wieso man davon nichts in der Zeitung liest. Die Erklärung ist denkbar einfach: Weil es ihn nicht gibt. AUF bezieht sich nämlich nicht auf Kinder, sondern auf Abtreibungen (die man gerne verbieten möchte). Damit kommt man zwar auch nicht gleich auf Millionen (die amtliche Statistik weist für 2008 114’484 Schwangerschaftsabbrüche aus), aber vielleicht will man den Rest ja über die Anpassung der “sexualethischen Grundsätze” hinbekommen, zu denen das Programm leider keine weitere Aussage macht. Zur Unsinnigkeit der These “Abtreibung = Kindermangel” hat Stefan Blankertz bei der Freiheitsfabrik ansonsten alles Wesentliche gesagt, weswegen ich dem geneigten Leser Wiederholungen ersparen möchte.

Weiter im Programm. Nach einigen Seiten leerer Floskeln kommt auf Seite 11 der erste richtige Knaller: Ganz im Sinne der Bundeswurfmaschine “Zensursula” von der Leyen fordert AUF den Ausbau des Elterngelds – gestaffelt nach individueller Ferkelrate soll der Staat den Mamis ein “Erziehungsgehalt” zahlen (Seite 11). Das freut nicht nur Sozialisten, sondern besonders auch vermehrungsfreudige Neubürger, die damit erst recht keinen Anreiz mehr haben, sich mit altmodischer Erwerbsarbeit zu belasten – “Ali, schnall schon mal die Aishe im Keller fest”, könnte man da in Abwandlung des alten “Derrick”-Zitates fast sagen, sollte dabei aber betonen dass die Alis und Aishes, die diesem Klischee nicht entsprechen, nicht gemeint sind, weil so was wird ja gerne mal missverstanden.

Damit aus dem Nachwuchs später auch gute Staatsbürger werden, will AUF alle Staatsschulen nicht nur erhalten, sondern zu Gesamtschulen (der heilige Gral der Linken, Seite 14) umbauen. Zusätzlich kommt öfter mal ein “Familienhelfer” um nach dem Rechten zu schauen (Seite 12). Höhere Steuern auf Alkohol und Zigaretten sowie ein Ausbau der Medienzensur (“Jugendschutz”) sorgen dafür, dass bei Kindern und Erwachsenen der Ernst des Lebens betont wird und der Spass nicht überhand nimmt (ebenfalls Seite 12). Eines ist klar: Bei AUF wird der Mensch geschützt, von der Eizelle bis zur Bahre, ob er will oder nicht – dafür sorgt neben dem Abtreibungsverbot das Verbot der Sterbehilfe (Seite 13), schließlich soll man das “Geschenk des Lebens” bitteschön bis zum bitteren Ende auskosten, Krankheit hin oder her.

Ein besonderes Schmankerl findet sich auf Seite 15, dort fordert AUF nämlich die “CO2-neutrale Verkohlung für die Energieversorgung”. Fragt sich nur, wer da verkohlt werden soll? Bestimmt nicht die Bürger, die mit RFID-Chips markiert worden sind, denn so was will AUF auch verbieten (Seite 21). Auch wenn das noch nie irgendjemand gefordert, man kann ja trotzdem schon mal dagegen sein, politisches Vorsorgeprinzip sozusagen. Der Nachhaltigkeit sieht man sich auch verpflichtet: “Weg mit der Wegwerfgesellschaft!” heisst es auf Seite 16, “jeder Anbieter muss für die Qualität seiner Produkte für eine sinnvolle und wesentlich längere Zeit als jetzt (2 Jahre) haften” – Hersteller von Lebensmitteln und Klopapier sollten sich schon mal auf entsprechende Rücksendewellen vorbereiten.

Sollten Ulla Schmidt und Karl Lauterbach jemals in die Verlegenheit kommen, das AUF-Programm lesen zu müssen, würde ich ihnen ebenfalls die Seite 15 ans Herz legen: Die dort geforderte Bürgerversicherung entspricht nämlich haargenau den Vorstellungen der SPD. Zufall oder Ghostwriting? Vielleicht hätten die Autoren besser Carlos Gebauer gefragt, der kennt sich nämlich mit so was aus

Wem jetzt noch nicht schlecht ist, der hat offenbar einen robusten Magen. Sehr empfehlenswert, wenn man sich mit den Ausführungen zur Umwelt- und Verkehrspolitik auseinandersetzen möchte (Seite 20). Dort soll nämlich eine massive Verteuerung der Energie dafür sorgen, dass “mittel- und langfristig das Verkehrsaufkommen insgesamt drastisch zurückgehen” kann. Bauer, bleib bei deiner Scholle, oder besser in deiner Passivhaus-”Ökosiedlung”. Es kann schließlich nicht angehen, dass jeder selbst entscheidet wie und wo er wohnen will. Auch wenn die AUFrechten Strategen noch mal genau erklären müssen, wie die Abschaffung des Verkehrs mit der ebenfalls geforderten “Dezentralisierung von bisher in Städten errichteten Strukturen” zusammengehen soll – aber vielleicht will AUF diese Strukturen ja auch nicht dezentralisieren, sondern lediglich duplizieren. Geld wäre jedenfalls genug vorhanden, denn während im Steuerprogramm (Seite 19) zwar von Subventionsabbau und Steuervereinfachung die Rede ist, wird keineswegs eine Steuersenkung gefordert, ganz im Gegenteil: Steuerhinterzieher sollen schärfer bestraft werden. Dagegen erscheint selbst die FDP vergleichsweise liberal. Die will übrigens im Gegensatz zu AUF auch die Wehrpflicht abschaffen, während man in Fürth wohl der Ansicht ist, irgendwo müssten die jungen Männer ja das Saufen und Rauchen lernen – wenn sie dank verschärftem Jugendschutz vorher am Erwerb dieser wichtigen Kulturtechniken gehindert werden. Mädchen brauchen das nicht, die sind ja sowieso schwanger.

Ansonsten steht AUF für wahrhafte christliche Nächstenliebe: “Wir wollen Deutschland zu einer Politik motivieren, die anderen Völkern dient, ohne eine Gegenleistung zu erwarten” heisst es auf Seite 24, und im Übrigen ist man der Ansicht, die deutsche Botschaft müsse dringend von Tel Aviv nach Jerusalem verlegt werden (Seite 24). Schließlich haben wir ja sonst nichts Wichtigeres zu tun.

Fazit: Die AUF-Partei ist ein Hort der Polit-Esoterik, der den “Violetten” in nichts nachsteht und gegenüber dem die APPD (die leider nicht zur Europawahl antritt) als Inbegriff von Vernunft und Seriosität erscheint. Dann doch lieber Piraten