Gerechtigkeit, 2028
Die Klappe in der Tür öffnet sich mit einem lauten Quietschen. Ein Tablett wird hindurchgeschoben, darauf ein Pott Kaffee, zwei Brötchen, ein wenig Aufschnitt und Marmelade. Zugegeben: Schlecht ist das Essen hier nicht, tatsächlich sogar besser als einiges, was ich früher selbst in Hotels der gehobenen Preisklasse vorgesetzt bekam. Aber was hilft ein gutes Frühstück, wenn darauf kein guter Tag folgt? Hier gibt es keine guten Tage. Und keine schlechten. Totale Monotonie.
Mein Tag beginnt morgens um sieben mit dem Frühstück. Um 12 gibt es Mittagessen; eines von drei Tagesgerichten, das ich mir sogar selbst aussuchen darf. Abends, wieder um sieben, dann Abendessen. Brötchen, Aufschnitt, Käse. Manchmal auch Salat oder Obst. Das Essen kommt aus dem Hotel gegenüber; ich kann den schwarzen, modernen Glaskasten von meinem Fenster aus sehen. Und einen guten Teil der Stadt; man hat eine tolle Aussicht hier in der 22. Etage. Das ist Teil meiner Strafe: Mich immer wieder daran zu erinnern, dass ich die zahllosen belebten Strassen der Metropole zwar sehen, aber niemals mehr befahren kann, mir die Türen in den prachtvollen Fassaden der neu gebauten Häuser auf ewig verschlossen bleiben werden.
Nach dem Frühstück ist es Zeit für die Arbeit. Dazu habe ich ein kleines Terminal, das mich mit dem Zentralrechner der Anstalt verbindet. Das System stellt mir Tondokumente in die Inbox, mit denen die automatische Spracherkennung nichts anfangen kann. Meine Aufgabe ist es, diese Anfragen in maschinenverständlichen Text umzuwandeln. Das ist gar nicht so einfach, denn weil diese Systeme heutzutage sehr ausgereift und auch selbstlernfähig sind, bleiben für mich nur die ganz harten Fälle übrig: Unverständliche Wortfetzen, überlagert von obskuren Hintergrundgeräuschen, Menschen mit schwersten Sprachfehlern, Trottel, die sich -anstatt ihre Muttersprache zu benutzen- aus nicht nachvollziehbaren Motiven heraus in Idiomen auszudrücken versuchen, die sie nicht ansatzweise beherrschen – der Alptraum eines jeden Computerlinguistikers. Und dazu noch die Spassvögel: Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Menschen tatsächlich Vergnügen daran finden, die Auskunft mit Rülps-, Grunz- oder Furzgeräuschen zu füttern, nur um zu sehen, was danach zurückkommt. Immerhin verschaffen mir diese Leute ein relativ sicheres Einkommen, denn solche “Anfragen” innerhalb der Maximalfrist von 30 Sekunden zu “übersetzen” ist nicht schwer (sollte ich länger brauchen, bekomme ich keine Vergütung) und die Scherzkekse klicken auch selten auf den Button, mit dem man unpassende Antworten markieren kann (falsche Übersetzungen werden ebenfalls nicht honoriert).
Die Arbeit ist zwar anstrengend, aber ich bin mittlerweile gut in der Übung und habe meine “Miete” daher meist schon am frühen Nachmittag erwirtschaftet. Danach kann ich machen, was ich will – ausser den Raum verlassen, natürlich. Meist surfe ich noch ein wenig im Internet oder kaufe mir einen Film, um die Zeit bis zum Abendessen zu überbrücken. Am liebsten einen von den alten Schinken von früher, aus der Zeit, als ich frei war, als ich gehen konnte, wohin auch immer es mich zog. Theoretisch jedenfalls, in der Praxis waren da natürlich immer die Verpflichtungen, die Termine, die endlosen Sitzungen bis in die frühen Morgenstunden. Pünktlicher Feierabend? Fehlanzeige. Man war froh, wenn man alle paar Wochen mal einige Stunden für sich selbst hatte, am Rande irgendeiner Tagung, oder ein, zwei Tage an einen offiziellen Termin im Ausland hintendranhängen konnte. Oft genug blieb mir aber nur der halbstündige Spaziergang durch die nächtliche Stadt, zurück zu meiner Wohnung, ein Luxus, den ich mir nicht nehmen liess. Erst kurz vor dem Ende, als es definitiv zu gefährlich wurde, musste ich den Wagen nehmen.
Würde ich länger arbeiten, könnte ich mir mit dem zusätzlich verdienten Geld etwas kaufen, Kosmetikartikel etwa, neue Kleider oder sogar Schmuck – ausser Gegenständen, mit denen ich mich oder andere verletzen könnte, ist alles erlaubt, was durch die Klappe passt. Selbst Alkohol und Drogen. Einmal habe ich mir aus einer Laune heraus einen Vibrator bestellt, denn, wissen Sie, auch eine Frau in meinem Alter hat noch gewisse Bedürfnisse. Die grosse Überraschung kam, als ich nach ein paar Monaten intensiver Anwendung dieses Werkzeugs wieder mal eine depressive Phase hatte, und versuchte, genügend Schlaftabletten (Ratiopharm, Preis pro Dosis .02 Gramm Gold) auf die Seite zu schaffen. Ich wollte mich damit umbringen. Doch nach der dritten Bestellung gab es anstatt der Tabletten eine Mail, dass ich erst die vorhandenen Dosen, die im Spülkasten der Toilette versteckt wären, aufbrauchen sollte. Erst da wurde mir klar, dass sie jeden Winkel meiner Behausung mit Kameras überwachen. Und ich hatte mich mit meinem kleinen Plastikfreund wahrlich nicht nur unter der Bettdecke vergnügt! Ich habe das Ding nie wieder benutzt, und noch heute könnte ich im Boden versinken, wenn ich nur daran denke. Auch wenn ich nie wieder einem Menschen gegenüberstehen werde, vor dem ich mich deswegen schämen könnte.
Ich gönne mir eine kurze Pause und schaue wieder aus dem Fenster. Ein paar Strassen weiter bereiten Arbeiter einen Gebäudekomplex zur Sprengung vor. Ironischerweise eines der letzten Bauwerke in der Gegend, die zu meiner Zeit eröffnet wurden. In ein paar Tagen wird auch diese Erinnerung nur noch Schutt und Asche sein, auf der in wenigen Monaten ein schönerer, grösserer und besserer Neubau entstehen wird. Bald wird der erbarmungslose Fortschritt auch die letzten Symbole meiner Amtszeit ausgetilgt haben. Draussen sprechen sie von Wunden, die die Zeit heilt. Für mich ist es jedes Mal, als ob ein Teil von mir stirbt. Nur ich selbst bin dazu verdammt, am Leben zu bleiben. Am Leben, aber abgestellt in einer Ecke, weggeworfen wie eine leere Flasche, die keiner mehr braucht, für die sich niemand mehr interessiert ausser den Müllwerkern, oder in meinem Fall, das Wachpersonal. Sie, die Sie nie im Rampenlicht gestanden sind, nie die permanente öffentliche Aufmerksamkeit im gleichen Masse wie ich genossen, nie den Kitzel der Macht gespürt haben, der einen befällt, wenn man mit nur einem Fingerzeig die Geschicke tausender Menschen beeinflussen zu vermag, wenn man mit einer knappen Anordnung den einen zum Millionär machen und gleichzeitig dem anderen die Existenzgrundlage rauben kann, fast wie es einem beliebt, Sie also als einfacher, gewöhnlicher Mensch, werden niemals annähernd nachvollziehen können, wie hart es für mich ist, auf immer zur völligen Bedeutungslosigkeit verurteilt worden zu sein.
Damals, direkt nach dem Umsturz, gab es nicht wenige Leute, die uns alle am liebsten sofort an die Wand gestellt hätten. Der Vorschlag konnte sich nicht durchsetzen. Aber ich wünschte, er hätte es getan. Denn hier zu leben ist schlimmer als der Tod. Am unteren Rand des Terminals grinst mich eine rot umrandete Anzeige hämisch an: “Wenn Sie in diesem Tempo weiterarbeiten, kommen Sie in 346.824,33 Tagen frei”. Noch 1000 Jahre Arbeit, 1000 Jahre, nur um für die von mir verursachten Schäden aufzukommen. Aus der Zeit, als ich noch Bundeskanzlerin war.
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Sollten Sie eines Tages wegens des Verfassens solcher Texte vom Zigarettenholen nicht heim zu Frau und Kindern Chaos kommen, Herr Dr., wenigstens ich werde Sie aufrichtig vermissen.
// Holger Thölking // 2008-05-07 18:46 //



