Ron Paul? Ron Paul!
Man stelle sich einen amerikanischer Präsidentschaftskandidaten vor, der
- für die Abschaffung der Einkommensteuer
- für die Wiedereinführung des Goldstandards
- für die sofortige Einstellung des “Kriegs gegen Drogen”
- für freien Handel, aber gegen politische Pseudofreihandelsorganisationen wie die WTO
- für den freien Besitz (auch) von automatischen Waffen
- gegen den Wohlfahrts- und Überwachungsstaat
- für eine Stärkung der Rechte des Einzelnen gegen den Staat
- und für eine starke Reduzierung der Ausgaben und Befugnisse der Regierung
eintritt und obendrein noch eine richtig coole Website hat. Gibt’s nicht? Gibt’s doch: Der Mann heisst Ron Paul, kommt aus Texas und hat als so ziemlich einziger republikanischer Kongressabgeordneter gegen beide Irakkriege gestimmt (allerdings für den Afghanistankrieg, was er jedoch später bereut hat). Wer mehr wissen will: Die amerikanische Wikipedia hat eine gute Zusammenfassung seiner Positionen; dass entsprechende Informationen in deren traditionell linkssozialistisch verseuchten deutschen Ableger fehlen, verwundert hingegen wenig.
Gute Gründe also, Ron Paul deutlich weniger Abneigung entgegenzubringen als dem Rest der Rattenbande. Aber sollte man als Anarchist wirklich empfehlen, einen Politiker zu unterstützen? Eine verdammt gute Frage! Ich beantworte sie folgendermassen:
Stellt Euch vor, ihr wärt zusammen mit ein paar guten Kumpels und einer Reihe heisser Chicks auf dem Weg zu einer Party, als euch eine Gruppe übler Halunken mit Maschinenpistolen auflauert und verlangt, Euren Biervorrat, das Gras, Euer Geld und obendrein die Mädels mit ihnen zu teilen, so etwa im Verhältnis 80:20. Dummerweise habt ihr selbst keine automatischen Waffen dabei, denn für die war kein Platz mehr im Kofferraum (wegen dem Bier). Über diese sorglose Nachlässigkeit zu fluchen und sich einen Anhänger vollgepackt mit Kriegsgerät zu wünschen bringt jetzt nur noch wenig, aber die Ganoven machen Euch ein überraschendes Angebot: Ihr dürft mitentscheiden, wer der neue Anführer der Räuberbande werden soll, denn irgendwie seid ihr ja auch Teil der ganzen Geschichte, wenn auch in einer Rolle, die sich freiwillig wohl keiner ausgesucht hätte. Jeder Kandidat hält eine Rede, in der er kurz seine Position bezüglich des Räuberberufs im Allgemeinen und der aktuellen Lage im Speziellen darstellt:
Kandidat 1 ist ein voller Unterstützer der parasitären Existenz, die der Räuberberuf so mit sich bringt. Räuber seien ein notwendiges Element der Gesellschaft, ohne regelmässige Raubzüge mit reichlicher Beute würde die Gesellschaftsordnung zusammenbrechen, weil die rechtschaffenen Menschen ohne die Räubereien mit produktiven Tätigkeiten gewaltige Vermögen aufhäufen könnten, während all diejenigen, denen die ordentliche Arbeit zu mühsam oder anstrengend wäre, leer ausgehen müssten. Würde er zum Räuberhäuptling gewählt, würde er alles Geld, alles Gras und das gesamte Bier beschlagnahmen und unter den Räubern verteilen; die Babes würden in einen Verschlag gesperrt, so dass sich jeder an ihnen vergnügen dürfte, zumindest offiziell (denjenigen, die sich in besonderer Weise um seine Kandidatur verdient gemacht haben, würde allerdings ein vorrangiges Auswahlrecht zustehen).
Kandidat 2 ist dagegen der Ansicht, dass für den nachhaltigen Bestand des Räuberwesens auch eine gewisse Rücksicht auf die Opfer genommen werden müsste; ohne solche könnte man sich am Ende höchstens noch gegenseitig beklauen, und selbst ein von Kopf bis Fuss rasierter und frisch gebadeter Räuber wäre schliesslich doch nicht ganz dasselbe wie eine echte Frau. Seiner Ansicht nach sollte sich die Bande mit einer guten Hälfte der Wertgegenstände begnügen; ansonsten könnte man sich ja die Adresse der Opfer geben lassen und, sollte sich im Nachhinein ein erhöhter Bedarf ergeben, zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal dort vorbeischauen.
Kandidat 3 findet, sehr zum Unmut des grösseren Teils der kriminellen Clique, dass der Räuberei generell ein problematisches Element anhaftet, und man derartige Umtriebe aus ebendiesem Grund zumindest auf das absolut notwendige Mass beschränken sollte. Zwei, drei Kästen Bier und ein paar ordentliche Spliffs wären definitiv ausreichend für die an diesen Abend geplante Verlustierung, von den Mädels würde vielleicht die eine oder andere freiwillig mitfeiern, und überhaupt könnte man in der nächsten oder übernächsten Woche mal ausprobieren, ob das mit der ehrlichen Arbeit überhaupt so schlimm ist, wie immer behauptet wird.
Welchen Anführer würdet ihr wählen? Klar, keiner von der ganzen Bande hat auch nur im Entferntesten irgendeine ethische Legitimation und hättet ihr den Anhänger mit dem Rambo-Zubehör nicht daheimgelassen, würde hier jetzt eine ganz andere Sorte Party abgehen, aber dummerweise ist das halt nun mal gerade nicht so. Realistisch betrachtet, sollte man die Alternative wählen, bei der Euch am meisten bleibt; selbst wenn die Chance dafür gering ist und überdies die Möglichkeit besteht, dass Kandidat 3 nicht die ganze Wahrheit erzählt, so ist es dennoch deutlich unwahrscheinlicher, dass Euch ausgerechnet derjenige anlügt, der von vorneherein am liebsten alle Eure Besitztümer an sich reissen und Euch einen Kopf kürzer machen will.
Aber nun genug der zweifelhaften Räuberpistolen, zurück zum Thema: Bei jeder Wahl, an der man teilnehmen kann, wenn man will, besteht aus anarchistischer Sicht die alles entscheidende Frage darin, den möglichen Schaden gegenüber dem potentiellen Nutzen abzuwägen, wobei auch die Vermeidung schlimmerer Schäden als Nutzen betrachtet werden muss. Gegen jedwede Wahlteilnahme spricht sicherlich das Argument, dass man damit ja irgendwie die Politik als solche legitimieren würde; das ist zwar nicht falsch, aber man muss sich schon die Frage stellen, ob bei denjenigen, die die Macht und die Waffen haben, die Frage der Legitimität von Wahlen überhaupt irgendeine Rolle spielt. Wohl eher nicht. Auf der anderen Seite könnte vielleicht Eure Stimme helfen, zumindest einen Teil Eures Vermögens vor den allgegenwärtigen Schmarotzern zu retten, und selbst wenn die Chance dafür zugegebenermassen eher gering ist, schadet es zumindest unter dem Gesichtspunkt nicht, dass ansonsten einer von den anderen Parasiten an die Macht käme, der vermutlich auch nicht 24 Stunden nach der Wahl plötzlich zum ehrlichen Menschen konvertiert.
Alles in allem, meine pragmatische Position sieht in etwa so aus: Es ist kein Fehler, jemanden zu unterstützen, der zumindest halbwegs glaubhauft behauptet, in die richtige Richtung gehen zu wollen. Was nicht bedeutet, dass man gewissen Gestalten, die von vorneherein das Falsche fordern, nicht auch den ihnen angemessenen ausgestreckten Mittelfinger zeigen sollte. Das ist eben der Unterschied zwischen einem Kompromiß und einem faulen Kompromiß. In diesem Sinne:

Falls das irgendjemanden überzeugt haben sollte, hier noch ein paar Tips, was ein in den USA nicht Wahlberechtigter zur Unterstützung von Ron Paul tun könnte:
Das Hauptproblem von Ron ist, dass ihn in Amerika kaum jemand kennt; die politgesponserten Mainstream-Medien schweigen ihn aus nachvollziehbaren Gründen tot. Falls jemand also amerikanische Bekannte hat, wäre es ein guter Anfang, sie auf die Existenz von Ron Paul und auf seine Positionen hinzuweisen. Schliesslich liest nicht jeder 500 libertäre Blogs am Tag. Und/oder über ihn bloggen. Wer eine Webseite hat, die (auch) von englischsprachigen Usern besucht wird, kann dort ein Banner schalten. Berichte in der ausländischen Presse finden ebenfalls in den USA Beachtung, auch wenn die “vorherrschende” (=publizierte) Meinung eher das Gegenteil suggeriert. Wer also sowieso in derartigen Foren unterwegs ist, kann sich eine entsprechende Signatur zulegen, in der Hoffnung dass das irgendwann auch bei den Medienmachern ankommt, oder Leserbriefe schreiben, in denen die Ron Paul Kampagne erwähnt wird. Weitere Ideen können im deutschsprachigen Ron-Paul-Blog diskutiert werden; ich mach mich jedenfalls jetzt mal dran, das Banner an prominenter Stelle einzubauen…



