Was damals stank, kann heute nicht Parfüm sein
Wenn man -etwa mit einem guten Buch- sehr lange Zeit auf dem Klo sitzt, nimmt man den Gestank nach einer Weile nicht mehr wahr. Nicht anders ergeht es Leuten, die sich -anstatt einfach die Spülung zu betätigen und das Fenster zu öffnen, damit frische Luft hereinkommt- rund um die Schüssel versammeln, deren Inhalt analysieren und stundenlang angeregt über die Frage diskutieren, ob das unappetitliche Endprodukt einst feinstes argentinisches Rindersteak oder billiges, umetikettiertes Gammelfleisch war.
Der Analyse von Verdauungsresten wesensgleich ist der aktuell geführte Blogstreit um die übelriechenden Hinterlassenschaften eines Hans Karl Filbinger. Als Marinerichter und späterer Ministerpräsident war Filbinger auf jeden Fall ein Staazi ersten Ranges, seine Haltung zu der nationalsozialistischen Spielart des Etatismus ist daher so irrelevant wie die Frage, ob in einem bestimmten Haufen links- oder rechtsdrehende Kolibakterien in der Mehrheit sind.
Egal, ob Filbinger vor oder nach Kriegsende irgendwelche Todesurteile beantragt und vollstreckt oder auch nicht vollstreckt hat, egal, ob er glühender Nazi oder im tiefsten Inneren heimlicher Gegner des Systems war, er hat auf jeden Fall sowohl beim Nazistaat als auch bei dessen Nachfolgesystem aus freien Stücken aktiv mitgemacht und Sprüche wie “Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein” (der Slogan würde sich übrigens auch prima auf einem NPD-T-Shirt machen; dass es solche T-Shirts (noch) nicht gibt, ist wohl nur der notorischen Phantasielosigkeit der bundesdeutschen Verfassungsschutzbürokratie geschuldet) zeugen auch nicht wirklich von tieferer Einsicht in die absolute Verwerflichkeit des auf Gewalt und Zwang basierenden Molochs namens “Staat”, egal unter welcher Flagge er aktuell dahergesegelt kommen mag.
Nicht zu akzeptieren ist auch das zur Verteidigung vorgebrachte Argument, Filbinger habe ja in Wirklichkeit Verbrechen verhindert, indem er Prozesse verzögert und Todesurteile in Haftstrafen umgewandelt habe. Selbst wenn dies zutreffen sollte, so ist dem entgegenzuhalten, dass es willfährige Mitmacher wie Filbinger waren, die durch ihr Mitläufertum überhaupt erst die Existenz des Systems und die Exekution der Verbrechen ermöglicht haben, deren Abmilderung ihm nun als Verdienst angerechnet werden soll. Innerhalb einer Bande gegen die Ermordung der Opfer zu plädieren und es beim simplen Ausplündern belassen zu wollen, mag einen Räuber im Vergleich zu seinen Mitbanditen als humaner erscheinen lassen, aber es ist absurd, ihn deswegen auf die gleiche (oder gar eine höhere) Stufe zu stellen als Menschen, die von vorneherein nicht Mitglied der kriminellen Vereinigung waren.
Anstatt sich also in Detailbetrachtungen fragwürdiger Natur zu vertiefen, sollten Freiheitsfreunde daher lieber ihrer Nase trauen, die ihnen unbestechlich attestiert: Der Staat und seine Schergen stinken. Immer. Und wenn einem das irgendwann nicht mehr auffallen sollte, ist es höchste Zeit, die Sitzposition zu verlassen und dem eigenen Riechorgan an der frischen Luft etwas Erholung zu gönnen.
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Hinweis: Kommentar manuell aus dem alten Blog importiert
// admin // 2007-04-23 19:57 //
Nicht alle Schergen des Staates stinken. Sehr wohl stinken aber diejenigen, die es über mehrere, grundsätzlich verschiedene, Systeme hinaus geschafft haben, in ihrem Sessel kleben zu bleiben. Dies betrifft den “Übergang” des dritten Reiches in seine zwei deutschen Teilstaaten und es betrifft eben auch die Ex-DDR Schergen, die heute noch dabei sind. Bei reinen Bürokraten mag dies mit viel Wohlwollen noch verständlich sein, bei allen ausführenden Organen wie VoPo und NVA ist es schlichtweg schizophren.




