Von Koffern, Richtern und Rechteinhabern

Das Landgericht Hamburg muss man sich als einen sehr idyllischen Ort vorstellen: Die grossen Bäume des benachbarten Parks spenden im Sommer angenehmen Schatten, zudem schützen sie vor allzu neugierigen Blicken von oben. Unter dem grünen Blätterdach sitzen Richter und Anwälte einträchtig beisammen, besprechen aktuelle Prozesse und Strategien, und würde ein Brancheninteressenvertreter mal versehentlich den einen oder anderen schwarzen Koffer, zufälligerweise prall gefüllt mit überschüssigen Banknoten eines Mandanten, ungeschützt in der prallen Sonne stehenlassen, so fände sich bestimmt ein treusorgender Staatsinteressenvertreter, der ihn sofort in seine liebevolle Obhut nähme, und das bestimmt nicht lediglich dazu, seinen Inhalt unmittelbar auf der nur ein paar Kilometer weit entfernten Reeperbahn zu verjuxen.

Es versteht sich von selbst, dass eine derart liebliche und friedvolle Umgebung die Herzen der Richter öffnet für die Leiden bestimmter, von der missgünstigen Aussenwelt besonders gebeutelter Menschen.

Da wäre zum Beispiel Mario Dolzer, Domainengel und unbescholtener Geschäftsmann, dessen Gedanken den ganzen Tag nur darum kreisen, wie er die Welt verbessern und seinen Mitmenschen den Tag mit neuartigen Mehrwertdiensten versüssen könnte. Die danken es ihm mit Unverständnis, bezeichnen ihn gar als “Dialer-Parasit” und rufen zum Massendownload seines Dialers auf. Obwohl er diesen normalerweise jedem Besucher seiner Seiten mit Hilfe von raffinierten Skripten förmlich aufdrängt, war das zu viel für den missverstandenen Philantropen: Verzweifelt wandte er sich an das Landgericht Hamburg, dessen Vorsitzender Richter Andreas Buske dem gebeutelten Manne auch sofort zu Hilfe kam und dem Handlanger der Lästermäuler, dem Heise Verlag, auftrug, dem Pöbel auf dem Wege der Vorabzensur das Maul zu stopfen, so dass jegliche zukünftige Schmähungen des Herrn Dolzer vermieden werden würden.

Während sich an der 24. Kammer Richter Buske (der im Volk so beliebt ist, dass man ihm mittlerweile gar eine eigene Homepage gewidmet hat) um die Wehwehchen haarfärbender Kanzler und geouteter Stasi-IMs kümmert, hat die 8. Kammer ein offenes Ohr für alle Nöte der Musikrechteverwertungsindustrie, deren derzeit sehr einträgliches Geschäftsmodell durch die massenhafte Vermehrung der Raubmordkopierer bedroht wird, die in dunklen Ecken des Interwebs, den sogenannten “Tauschbörsen” auf Opfer lauern um mit ihnen friedlich Dateien auszutauschen ihnen hinterrücks die Kehle durchzuschneiden.

Gegen derart üble Machenschaften steht die 8. Kammer Gewehr bei Fuss parat, mit allen zivilrechtlichen Mitteln den unerwünschten Datenverkehr zu blockieren (im Gegensatz zum Strafrecht gilt dabei ja nicht der lästige Grundsatz, dass die Schuld des Angeklagten zweifelsfrei zu beweisen ist). Und mit der Präzision einer Guillotine (die leider nicht mehr zur offiziellen Ausrüstung bundesdeutscher Zivilrichter gehört) fallen die Urteile (fast) immer zugunsten der Rechteinhaber: Internetanschluss bessessen? Zack, Kopf ab. Offenes WLAN betrieben? Zack, Kopf ab. Ob und wer tatsächlich in der Tauschbörse aktiv war, wird da genauso zur bedeutungslosen Nebensache wie einschlägige Gesetzestexte, wenn -und nur wenn- derartige Kleinlichkeiten den Interessen der Schützlinge des Gerichts entgegenständen.

Im gleichen Gebäude wie das Landgericht residiert übrigens das hanseatische Amtsgericht Mitte – und nimmt sich selbstverständlich die Kollegen von oben zum Vorbild: Wer von einer Webseite Bilder übernimmt, die dort ausdrücklich zur freien Benutzung zur Verfügung gestellt werden(!), muss trotzdem völlig überhöhte Abmahngebühren zahlen, denn die Anwältin des klageführenden “Pressedienstes” bat um ein extra hartes Urteil, damit man es

“anderen dem Beklagten gleichgesinnten Verteidigern der Freiheit des Internets zukünftig entgegenhalten”

könnte. Ob sie einen Koffer dabeihatte, wissen wir zwar nicht, das Amtgericht kam jedenfalls der Bitte der Anwältin in vollem Umfang nach.

2 Kommentare »
  1. Wahre Worte.

    Wir liegen in vielen Themenbereichen absolut auf einer Wellenlänge. Sowohl aktuellen Themen als auch beim Genuss schöner Fotos.

    // frank // 2006-09-09 22:00 //
  2. ULTIMATIVE LÖSUNG UM DRM UND STRAFVERFOLGUNG ZU VERHINDERN

    hallo,

    es braucht doch nur EIN EINZIGER programmier endlich mal auf die idee zu kommen folgende technik zu entwickeln und als open source der community zur verfügung zu stellen:

    eine möglich poplige oder lasche verschlüsselung, neusprech DRM entwickeln. JEDER FILSHARER VERPACKT SEINE DATEN DANN DAMIT!

    tools zum “knacken” kann man massiv unters volk bringen. und wenn die musikindustrie-arschgeigen-abzocker-faschisten-drecksbrut die von mir mit DRM versehenen dateien per filesharing saugt und GESETZESWIDRIG knackt, VERKLAGE ICH DIESE SCHNÜFFLER pro datei mit 100 000 euronen!!

    man muss nur zwei dinge dabei beachten:

    1. jeder datei einen furzigen eigenen datenteil beifügen auf den man selbst die urheberrechte hat – zum beispiel ein foto des letzten scheisshaufens vorm spülen:-)
    2. garniert mit bspw. der lieblings mp3 verpacke ich beides mit dem open source tool und stells per filesharing online. und meinetwegen kann sich jeder meine scheisse nebst mp3 runtersaugen und mein DRM hacken. nur die wichser der musikindustrie eben nicht. die dürfen meine scheisse eben NICHT cracken! denn ich entscheide wen ich verfolgen will oder eben nicht:-)

    WER DRM HABEN WILL SOLL MIT DRM AUF DIE FRESSE FALLEN!

    AUFRUF – WER SOWAS PROGRAMMIEREN KANN DEM STEUERE ICH 500 EURO AUFWANDSENTSCHÄDIGUNG BEI: WER MACHT MIT UND ZEIGT DIESEN VERWERTUNGSFASCHISTEN WO DER FROSCH DIE LOCKEN HAT?

    // Anonymous // 2006-10-18 04:29 //

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